Eine Frage hören wir in SAP-Projekten immer wieder: Können wir die Übersetzung komplett automatisieren?
Wenn man Übersetzungsexperten fragt, war die Antwort bisher ziemlich eindeutig: Besser nicht. Gerade Oberflächentexte sind oft sehr kurz, haben kaum Kontext oder sind stark abgekürzt. Eine automatische Übersetzung solcher Fragmente kann schnell zu missverständlichen oder falschen Texten führen. UI-Texte beschreiben oft eine ganz bestimmte Aktion in einem SAP-Prozess – etwas, das maschinelle Übersetzungssysteme häufig nicht erkennen und den Text daher falsch übersetzen.
Trotzdem entscheiden sich immer mehr Unternehmen für automatische Übersetzung.
Warum automatische Übersetzung?
Die Gründe dafür sind meistens eher pragmatisch.
In vielen Projekten wird erst kurz vor dem User Acceptance Test (UAT) übersetzt. Der Zeitplan ist zu diesem Zeitpunkt sehr starr und alle Teams sind damit beschäftigt, das System irgendwie testbereit zu bekommen. Da bleibt einfach keine Zeit, einen kompletten Übersetzungsprozess aufzusetzen.
Typische Situationen, die wir immer wieder sehen:
- Enge UAT-Deadline: Ohne Übersetzungen kann nicht getestet werden.
- Interne Übersetzung: Die Übersetzung soll lieber intern anstatt durch einen externen Dienstleister durchgeführt werden.
- Reviewer nicht verfügbar: Den fachlichen Ansprechpartnern für Terminologie fehlt die Zeit zum Prüfen der Übersetzungen.
- Fehlende Sprachkenntnisse: Für bestimmte Sprachen gibt es intern einfach niemanden, der prüfen kann.
Mit automatischer Übersetzung kommt man schnell zu Übersetzungen und muss keine Kollegen oder Dienstleister einbinden – genau das macht sie interessant. Tools wie SAP Translation Hub oder DeepL liefern in wenigen Minuten Übersetzungen für Tausende von Texten.
Das klingt erstmal gut, hatte bisher aber einen Haken.
Das Problem: Automatische Übersetzung schafft Fakten
Sobald die Übersetzungen im System erstellt und möglicherweise transportiert wurden, sind sie ein fester Bestandteil der Systemlandschaft. Die Texte wieder loszuwerden, ist oft deutlich aufwendiger als gedacht.
Sollten Tester oder Anwender mit den automatisch generierten Übersetzungen nicht zufrieden sein, bleiben nur wenige Optionen:
- Texte einzeln und manuell korrigieren,
- den Übersetzungsprozess noch einmal komplett durchlaufen
- oder mit falscher Terminologie leben.
Im Klartext heißt das: Man legt sich auf ein Ergebnis fest, bevor man weiß, ob es gut genug ist.
Was sollte überhaupt übersetzt werden?
Bevor man eine automatische Übersetzung vornimmt, sollte man sich eine grundlegende Frage stellen: Welche der eigenentwickelten Texte braucht man überhaupt?
SAP-Systeme enthalten eine große Menge an Texten, viel mehr, als man tatsächlich übersetzen sollte. Darunter sind technische Beschreibungen, ungenutzte Customizing-Einträge, veraltete Entwicklungen oder andere Texte, die im Alltag nie jemand sehen wird.
Beim Scoping geht es darum, gezielt zu ermitteln, welche Objekte und Texte relevant sind. Das heißt: es werden genau die Apps, Transaktionen, Rollen, Pakete oder Transporte analysiert, die an den Standorten wirklich genutzt werden.
Bei automatischer Übersetzung ist das besonders wichtig. Wer „einfach alles“ übersetzt, produziert unter Umständen Tausende unnötiger Texte. Durch Scoping kann man die automatische Übersetzung auf die wirklich relevanten Inhalte beschränken, so dass unnötige Übersetzungen gar nicht erst erstellt werden.
Automatische Übersetzung in i18n Translation Manager
Mit der aktuellen Version des i18n Translation Manager for SAP S/4HANA sind jetzt automatische Übersetzungen möglich. Ab sofort lassen sich für alle von SAP unterstützten Sprachen Übersetzungen direkt aus dem Tool erzeugen. Die generierten Texte kommen dabei entweder aus SAP Translation Hub, wo die SAP-eigene Übersetzungshistorie und SAP Machine Translation genutzt werden, oder aus DeepL.
Dabei sehen wir automatische Übersetzung nicht als Ersatz für menschliche Übersetzung. In vielen Projekten bleibt ein klassischer Übersetzungsprozess die bessere Wahl. Das neue Feature ist vielmehr für Situationen gedacht, in denen Geschwindigkeit wichtiger ist als Qualität.
Die eigentliche Innovation dabei ist aber gar nicht die automatische Übersetzung.
Strg + Z für automatische Übersetzungen
Eine der wichtigsten Neuerungen in der neuen Version sind die sogenannten Korrekturprojekte.
Die Idee hinter Korrekturprojekten ist ziemlich einfach: sie sind eine Arteine Art „Rückgängig“-Funktion für Übersetzungen. Nach Abschluss der Übersetzung, also auch noch, nachdem Übersetzungen ins Testsystem transportiert wurden, kann man das abgeschlossene Projekt kopieren und:
- einzelne Texte anpassen oder
- alle Zieltexte wieder auf den Stand vor der Übersetzung zurücksetzen.
Das Risiko, das Sie eingehen, wenn Sie im ersten Wurf eine automatische Übersetzung verwenden, sinkt damit erheblich. Denn die dabei erzeugten Übersetzungen sind nicht mehr in Stein gemeißelt, und so kann man das Ganze eher als Experiment betrachten:
- Übersetzungen werden automatisch erzeugt.
- Übersetzungen werden ins Testsystem transportiert.
- Die Tester prüfen die Übersetzungen direkt in der Anwendung und melden Probleme.
- Sie passen die Übersetzungen bei Bedarf an – oder rollen sie komplett zurück.
Bei dieser Methodik erfolgt die Prüfung der Übersetzungen also direkt auf der UI.
Blick in die Objekte
Bei einem weiteren Feature in der neuen Version, das in der Vergangenheit immer mal wieder angefragt wurde, geht es um die Texte selbst.
Übersetzungsmanager arbeiten oft mit SAP-Objekten und deren Metadaten – was sie aber vor allem brauchen, ist der Blick in die Texte selbst. Mit der neuen Textanzeige haben wir jetzt genau das umgesetzt.
Nun können Sie alle Texte eines Projekts anzeigen, nach bestimmten Quelltexten suchen, nach Objekttypen filtern oder von den Metadaten einzelner Objekte direkt zu den Texten abspringen.
Gerade bei automatisch erzeugten Übersetzungen ist das hilfreich. Statt zwischen verschiedenen Tools zu springen, sieht man schnell, wie Texte im Projekt tatsächlich übersetzt wurden.
Preview: Übersetzungen direkt im Tool bearbeiten
Um Korrekturen weiter zu vereinfachen, planen wir für die nächste Version unseres Tools eine weitere Neuerung.
Eine Übersetzungskorrektur im SAP-System vorzunehmen, bedeutet aktuell fast immer, dass die Transaktion SE63 zum Einsatz kommen muss. Und diese Transaktion ist nicht gerade als einsteigerfreundlich bekannt. Für Teams, die nur ab und zu mit Übersetzungen arbeiten, ist das unnötig kompliziert.
Deshalb planen wir, künftig das Bearbeiten von Übersetzungen direkt im i18n Translation Manager zu ermöglichen, in derselben Oberfläche. Das macht Korrekturen deutlich einfacher und erspart unseren Anwendern den Sprung in eine andere Transaktion.
Mit Korrekturprojekten und Übersetzungskorrekturen direkt in i18n Translation Manager wird es damit wesentlich leichter, automatisch erzeugte Übersetzungen gezielt zu verbessern oder auch komplett zu ersetzen.
Übersetzung im stetigen Wandel
Automatische Übersetzung in SAP ist nichts Neues. Aber von nun an ist sie ganz anders einsetzbar. Was früher als riskante Abkürzung galt, kann heute zunehmend Teil der Übersetzungsstrategie sein. Bei großen Rollouts wird es so möglich, die linguistische Prüfung in die Testphase zu verlegen – vorausgesetzt natürlich, es gibt ausreichend Zeit zum Testen und die Tests beginnen rechtzeitig.
Der entscheidende Punkt ist dabei weniger die Technologie selbst, sondern die Kontrolle darüber. Wenn man Übersetzungen automatisch erzeugen, sichtbar machen und bei Bedarf wieder zurückrollen kann, entstehen dank dem i18n Translation Manager für SAP S/4HANA ganz neue Möglichkeiten.
Anders gesagt: Automatische Übersetzung ist keine Einbahnstraße mehr.
Erfahren Sie mehr über i18n Translation Manager…